Nachhaltigkeit beginnt mit der Vermittlung von Kompetenzen

Ein Interview mit Gerhard de Haan, Zukunftsforscher und Vorsitzender der Deutschen UNESCO-Kommission für die UN-Dekade 'Bildung für nachhaltige Entwicklung'

Sehr geehrter Herr de Haan,

sicherlich erhält die UNESCO jede Menge an Bewerbungen für die von ihr ins Leben gerufene Bildungsoffensive, mit der prestigeträchtigen Intention ein "Offizielles Projekt der UN-Dekade" zu werden.

Nach welchen Kriterien werden die Bewerber ausgewählt, und was machte die "BiberBurg Berschweiler" in Ihren Augen so einzigartig, dass Sie ihre ökopädagogischen Programme für deren vorbildliche Bildungsarbeit mit genau diesem Titel auszeichneten?

Die Auswahl erfolgt nach strengen Kriterien. Nicht nur müssen alle Dimensionen der  nachhaltigen Entwicklung Berücksichtigung finden – es müssen also ökologische, ökonomische und soziale Aspekte bedacht werden, wenn man eine Auszeichnung erlangen will. Nun mag man sagen, ökologisch sind doch heute fast alle Bildungseinrichtungen aufgestellt. Wer spart zum Beispiel nicht Energie? Und auch unter ökonomischen Gesichtspunkten scheint sich die Nachhaltigkeit mehr und mehr durchzusetzen, denn wer versucht nicht effizient zu sein, Kosten zu sparen. Bei der sozialen Seite wird es schon schwieriger: denn wer berücksichtigt Aspekte der Gerechtigkeit: gleicher Lohn für gleiche Arbeit), sorgt sich auch um die Nutzung von Produkten, die fair gehandelt wurden oder bemüht sich, Kindern und Jugendlichen Kompetenzen zu vermitteln, die sie aus sozialer Benachteiligung hinausführen helfen? Hier beginnt die Nachhaltigkeit. Wir fragen uns dann: Verringert das Projekt den ökologischen Fußabdruck? Dient es – allen zugänglich – der individuellen wie allgemeinen Wohlfahrt? Kann man diese Fragen positiv beantworten, dann erst hat man die Chance, ein Dekade-Projekt zu werden. Aber das alles ist nicht hinreichend: Man muss auch – im Vergleich zu den vielen anderen Initiativen – innovativ sein und etwas Neues bieten, das zudem auch noch nachgeahmt werden kann. Grundsätzlich sollte ein Transfer möglich und der Vorbildcharakter gegeben sein. Schließlich legen wir Wert darauf, dass man über den eigenen Ort hinaus wirkt, sich mit anderen vernetzt und – wo immer möglich, internationale Kontakte knüpft. Zudem muss auf der Website ein deutlicher Bezug zur Bildung für nachhaltige Entwicklung gegeben sein. Die Hürde zur Anerkennung ist mithin nicht gerade niedrig.

Was nun die BBB einzigartig macht, ist im Namen der Einrichtung kaum zu erkennen. Da vermutet man zunächst eine Umweltstation, die nur Naturerfahrungen anbietet. Erst beim genauen Hinsehen, wenn man das Programm betrachtet und die Einrichtung als Ganze wahrnimmt, wird die Leistung sichtbar: Freilich gibt es da zunächst ein Freigelände als Erlebnislandschaft. Aber da ist mehr: Das Schullandheim wird unter energetischen Gesichtspunkten renoviert, die Themen wie „Wasser“ z.B. berücksichtigen und auch kulturelle und ökonomische Aspekte („Hochwasser“ z.B.) und auch das Thema Ernähung, Wege der Lebensmittel, regionale Produkte – bis hin zum selbst Kochen in einer Mitmachküche sind Schwerpunkte – ganz abgesehen von dem Thema „regenerative Energie“! Das alles ist eine Auszeichnung wert.

Das "Projekt der UN-Dekade" umspannt die gesamte Welt. Welchen essentiellen Beitrag kann da ein regional angelegtes Konzept wie das der "BiberBurg Berschweiler" leisten?

Wir haben zwar viele politische Verlautbarungen, die fordern, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung vorangetrieben werden soll, aber diese guten Absichten bleiben so lange nur Papier, wie es nicht Beispiele dafür gibt, wie man das macht. Einen nachhaltigen Lebensstil pflegen, Bildung für nachhaltige Entwicklung zu praktizieren, eine nachhaltige Ökonomie voranbringen, gerechte Entwicklungen voranzutreiben, das setzt praktische Beispiele voraus. Alle Initiativen sind immer zunächst lokal aufgesetzt. Es kommt darauf an, dass diese guten Beispiele sich selbst bekannt machen – und dass wir zur weiteren Bekanntheit beitragen, etwa durch die Webseiten www.bne-portal.de oder durch www.mehr-wissen-mehr-tun.de . Von Seiten der Deutschen UNESCO-Kommission bemühen wir uns zudem beständig, - auch durch die Präsentation in verschiedenen Weltsprachen – die Aufmerksamkeit auf interessante Projekte zu lenken.

Die von Ihnen forcierte Bildungsoffensive ist zunächst auf das Jahr 2014 befristet. Im Jahr 2005 gestartet, könnte man also sagen, es ist gerade "Halbzeit". Gibt es bereits erste konkrete Ergebnisse? Und kann man sagen, dass sich das Projekt so entwickelt, wie Sie es sich als UNESCO von Anfang an wünschten?

Auf der Halbzeitkonferenz, die schon etwas verfrüht im April 2009 in Bonn stattfand, waren viele der Meinung, wir seien auf einem guten Weg und wären – bezogen auf die Absicht, BNE weltweit systematisch voranzubringen, - schon auf der halben Wegstrecke angelangt. Ich bin da sehr skeptisch. Wenn man in Deutschland die Experten befragt, wie weit wir mit unseren Zielsetzunge allein hierzulande kommen werden, dann sagt die Mehrheit, dass wir auch Ende 2014 kaum mehr als ein Drittel des Wegs gegangen sein werden. Das betrifft sowohl die Verankerung von BNE in den Schulen wie in den Hochschulen oder Kindergärten. Das betrifft auch die öffentliche Aufklärung und die Verankerung in den Kommunen und Unternehmen. Insofern liegt im Grunde noch eine lange Wegstrecke vor uns.

2014 soll erst mal Schluss sein. Gibt es bereits Überlegungen für das Danach?

Was nach 2014 geschieht, ist noch nicht deutlich auszumachen. Manche favorisieren eine weitere Dekade, um BNE wirklich in der Mitte der Gesellschaft und aller Bildungseinrichtungen ankommen zu lassen. Manche sind aber skeptisch, dass die UNESCO als Weltorganisation sich zu einer zweiten Dekade durchringen kann (die es allerdings auch zu anderen Themen, wie etwa der Durchsetzung der Menschenrechte gegeben hat). Vielleicht sind wir auf uns selbst gestellt – und auf unseren Erfindungsreichtum wie auf ein verstärktes Arbeiten in gut funktionierenden Netzwerken.

Unter dem Dach der UNESCO sind viele Länder vertreten. Wie ist er deutsche Beitrag und der Grad an Mobilisierung im multinationalen Vergleich zu bewerten?

Es macht einen schlechten Eindruck, sich selbst zu loben. Wenn man aber die Dokumente und Einschätzungen der UNESCO-Zentrale in Paris liest oder die Einschätzungen aus anderen Mitgliedsstaaten einholt, dann ist Deutschland durchaus ein Vorbild mit seinen Aktivitäten. Die Mobilisierung ist hierzulande sehr hoch – freilich sind auch andere Länder stark engagiert, um BNE voranzubringen: Japan, Süd-Korea, Vietnam, Schweden, Schottland, Kanada … die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Es sind oft andere Schwerpunkte und natürlich sind die Entwicklungen abhängig davon, an welchem Punkt man einmal gestartet ist und welche Zielsetzungen man jeweils verfolgt. Die Website www.unesco.org/en/esd/ der UNESCO bietet hier einen guten Einblick.

Und was bleibt nach dem Ende der UN-Dekade an Nachhaltigkeit vor Ort bestehen? Hat die UNESCO überhaupt die Möglichkeiten und Einflussmöglichkeiten all diese faszinierenden Projekte auch über 2014 hinaus im Blickfeld zu behalten?

Was vor Ort bestehen bleibt, sind zunächst einmal die nunmehr über 1000 ausgezeichneten Projekte. Jedenfalls werden viele von ihnen fortgeführt werden, so denke ich. Schließlich werden sie nicht von Seiten der UNESCO alimentiert – wir können ja nicht mehr leisten, als die Leistungen anerkennen und würdigen – was wir sehr gerne tun. Ob die UNESCO die Projekte auch nach 2014 im Blick behalten wird? Davon gehe ich aus. In welcher Form dieses der Fall sein kann, hängt natürlich auch von den verfügbaren Mitteln ab. Die UNESCO ist kein Unternehmen, das Geld verdient. Es wird von staatlicher Seite in seiner Grundausstattung gesichert, muss aber für einzelne Schwerpunkte – wie zum Beispiel für die Dekade – gesonderte Fördergelder beantragen und einwerben.

Eine letzte Frage hätten wir noch. Wer wertet eigentlich die vielen unterschiedlichsten Initiativen weltweit aus? Und gibt es eine Möglichkeit die Essenzen dieses gigantischen Ideenpools für zukünftige Generationen gewinnbringend einzusetzen?

Die vielen differenten Initiativen werden einerseits von Seiten der nationalen UNESCO-Kommissionen gesammelt, andererseits von den Headquaters in Paris ausgewertet. So wurde jüngst erst wieder eine Abfrage gestartet, was wo für BNE getan wird. Eine Essenz daraus zu gewinnen ist kaum möglich, da, wie schon gesagt, BNE fast immer eine nationale Ausprägung erfahren muss. Einen Überblick habe ich selbst mir nicht verschaffen können – ich staune immer wieder allein über die Vielfalt hier in Deutschland – und das, obschon ich denke, zu den Experten in der BNE gerechnet werden zu dürfen. Mein Rat ist immer: Suchen Sie selbst nach Partnern und neuen Anregungen, die einschlägigen Websites bieten heute dazu ja alle Möglichkeiten. Arbeiten Sie mit anderen dort zusammen, wo Sie gemeinsame Entwicklungschancen sehen. BNE lebt von der Komplexität, Kooperation und der Vielfalt dessen, was Nachhaltigkeit als Entwicklung bedeuten kann.

Sehr geehrter Herr de Haan, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Ausgezeichnet

Gerhard de Haan
Gerhard de Haan (Foto: Dt. UNESCO-Kommission)

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Auszeichnung für UN-Dekade 'Bildung für nachhaltige Entwcklung' 2007/2008; v.l.n.r. Eva Güthler, Rasmund Denné, Gerhard de Haan, Klaus Adamaschek (foto: A. Adamaschek)
Auszeichnung für UN-Dekade 'Bildung für nachhaltige Entwcklung' 2007/2008
Auszeichnung für UN-Dekade 'Bildung für nachhaltige Entwcklung' 2010/2011
Auszeichnung für UN-Dekade 'Bildung für nachhaltige Entwcklung' 2010/2011